10/08/2011

Interview with Kai Strittmatter


Süddeutsche Zeitung
16. September 2011

Europa? Wir reden kaum mehr drüber! 

Der türkische Kurator Vasif Kortun über die neu erwachte Kunstszene in seinem Land und die Boomtown Istanbul

Der 53-jährige Vasif Kortun ist ein Veteran der modernen türkischen Kunstszene. Als Kurator arbeitet er rund um die Welt, bei der Istanbul Biennale, die am Samstag beginnt, war er 1992 und 2005 Kurator. Außerdem ist er Direktor des neu gegründeten „Salt Istanbul“. Salt will der modernen türkischen Kunst, aber auch der Architektur und anderen gesellschaftlichen Themen Archiv, Bibliothek und Ideenbank sein.

SZ: Herr Kortun, auf dem Weg zu Ihnen läuft man vorbei an den beiden neuen Kunst- und Musikhäusern des Borusan-Konzerns, am großen neuen Kunstraum Arter der Firma Koc, dann landet man bei Ihrem „Salt Istanbul“, das von der Garanti-Bank gesponsert wird. Ganz schön viel Kunst inmitten all des Kommerzes hier in der Fußgängerzone.

Vasif Kortun: Ja, es ist erstaunlich. Die Miete für unser Gebäude hier läge wohl bei 150 000 Euro im Monat. Als Mäzen verlierst du also 1,8 Millionen Euro im Jahr allein an Miete.

SZ: Was heißt das, wenn all die privaten Firmen sich plötzlich in der Kunst engagieren?
Kortun: Das heißt, dass Istanbul zurück ist. Nach einem Jahrhundert des Verfalls.

SZ: Und warum jetzt das Comeback?  

Kortun: Istanbul war immer groß, nur das 20. Jahrhundert war ein Ausreißer. Istanbul war plötzlich nicht mehr Hauptstadt. Es verlor zuerst seine Armenier. Dann wurde Israel gegründet, und viele Juden zogen weg. Später, nach den Pogromen 1955 gingen viele Griechen. Der Staat schikanierte die Minderheiten. Es gab einen großen Braindrain, wir verloren mit ihnen das gebildete Bürgertum. Erst jetzt rappelt sich Istanbul wieder auf.Seit 2002 regiert die AKP, sie hat Stabilität und Kontinuität gebracht, und ist mutig vorgegangen gegen das schädliche Erbe des säkularistischen Establishments mit seiner Ideologie von Nationalismus und Türkentum. Wie diese Regierung die Vorherrschaft des Militärs auseinandernimmt, ist erstaunlich. Und ein Segen für die Türkei. Vieles machen sie natürlich vor allem, damit die Geschäfte laufen.

SZ: Wie sieht es denn mit den persönlichen Freiheiten aus?

Kortun: Kein Vergleich zu früher. Es ist großartig. Auch für Künstler. Vor zehn Jahren haben Künstler eh nichts Radikales gemacht, sie trauten sich nicht. Die Türkei ist heute wohlhabender, freier und hoffnungsfroher als früher. Die Regierung wird oft aus den falschen Gründen kritisiert, das Herumgereite auf ihrem angeblichen Islamismus ist Propaganda.

SZ: Wofür sollte man sie denn stattdessen kritisieren?

Kortun: Sie sind Superneoliberale, das ist das Problem. Alles dreht sich um Profit. Istanbul wird noch einmal aufgeteilt und neu gebaut, dabei gibt es Gewinner und Verlierer.

SZ: Ihre aktuelle Ausstellung trägt den Titel „Becoming Istanbul“, also Istanbul werden. Was passiert gerade mit der Stadt?

Kortun: Wir wissen es nicht. Die neuen Gesetze sind noch unklar. Die Gesetze zur Stadtplanung zum Beispiel.

SZ: Wer plant denn?

Kortun: Wir jedenfalls nicht. Nicht die Bürger. Viele fühlen sich herumgeschubst. Und was wir bislang gesehen haben, der Abriss ganzer Stadtteile, die Zwangsumsiedlung von Bewohnern ist noch gar nichts. In fünf Jahren werden Sie Beyoglu hier, das Herz von Istanbul, nicht wiedererkennen. Die Türkei reitet auf einem Bauboom.

SZ: Und was macht die Kunstszene?

Kortun: Die materiellen Bedingungen für Künstler waren noch nie so gut. Sie werden reicher. Die neue Generation orientiert sich mehr an Galerien und dem Kunstmarkt. Viele sehen gar nicht, dass ihre Rolle in der Welt auch noch anderes sein könnte, als in Galerien auszustellen und schicke Partys zu besuchen.

SZ: Es gibt einen großen Hype um die junge türkische Kunst.

Kortun: Das ist ein totaler Schwindel. Als Phänomen gibt es so etwas wie interessante zeitgenössische türkische Kunst nicht. Es gibt einzelne interessante Künstler, ja, aber ein breites Phänomen? Existiert absolut nicht. Der Hype ist eine Schöpfung des Markts. Es wimmelt im Moment von Käufern, die wie verrückt kaufen.

SZ: Die Welt kauft?

Kortun: Nein, nicht die Welt. Die Türken kaufen. Was wir hier erleben, ist eine Art erweiterter Provinzialismus.

SZ: Das heißt?

Kortun: Das ist eine Art, die Welt vom Standpunkt des Nachzüglers zu betrachten: Du stopfst mehr in dich hinein, du konsumierst mehr, aber im Geist des Provinzlers, weil du dich orientierst an einem vorgegebenen Zentrum, zum Beispiel an der europäischen oder amerikanischen Idee, was eine Galerie zu sein hat. Wie ein Sammler sich zu geben, was für Partys er zu veranstalten hat. Und dieses Spiel spielst du in deiner Provinz.

SZ: Und was ist mit dem Londoner Auktionshaus Sotheby’s, das seit drei Jahren den zeitgenössischen türkischen Künstlern eine eigene Auktion widmet?
Kortun: Das sind Türken, die nach London fliegen und türkische Kunst kaufen. Dort bezahlen sie doppelt so viel wie hier in Istanbul. Dafür haben sie das Label Sotheby’s und Prestige gekauft. Na ja, das ist ein Prozess. Es ist ja nicht so, dass wir schlechtere Künstler hätten. Faulere vielleicht.

SZ: Türkische Künstler sind fauler?

Kortun: Sagen wir: Sie haben’s gern gemütlich. Viele von ihnen kommen aus Mittelstandsfamilien. Wir haben ja nicht mal eine gute Kunstakademie hier. Wo sollen die Ideen herkommen? Wo sind die Experimente? Wo ist die Debatte? Wo sind die Magazine? Wer kritisiert? Wer archiviert?

SZ: Sie fangen damit an.

Kortun: Klar, wir fangen damit an. Wir wollen ein Beispiel geben. Bis letztes Jahr waren wir zu dritt. Jetzt haben wir allein sieben Leute fürs Programm, acht fürs Archiv. Unser Budget wuchs enorm.

SZ: Warum geben hier Privatunternehmen all das Geld aus für die Kunst?
Kortun: Die Frage will man nicht stellen, schon gar nicht seinen Geldgebern. Jedenfalls können unsere nicht unmittelbar Profit aus unserer Arbeit schlagen. Was wir hier tun, ist nicht modisch und wird es nie sein. Wir stecken viel Geld in Recherche und Forschung, viel ins Archiv, nicht so viel in Ausstellungen.

SZ: Sie haben einen guten Ruf.

Kortun: Nächste Woche, während der Biennale, kommen 100 Museumsleute aus der ganzen Welt hierher, um sich mit uns zu treffen. Wir haben Treffen im 30-Minuten-Rhythmus. Alle Museen weltweit, vor allem privat finanzierte, sind nun neugierig auf die Türkei – sie wollen türkische Sammler und Finanziers an Bord holen. Da ist eine neue Generation, die reisen durch die Welt, sie sind nicht dumm. Nun beschnüffeln sie sich gegenseitig. Jedes große Museum muss heute international sein, aber wenn die Museen mir trotzdem die Geschichte von der guten alten Moderne erzählen, die eine europäisch-amerikanische Geschichte ist, tut mir leid, dann ist es mir doch lieber, die Arbeiten bleiben hier und ich schaffe mein eigenes Narrativ, als dass ich eine Fußnote bin in der Geschichte von jemand anderem.

SZ: Was für eine Rolle spielt dabei die Biennale?

Kortun: Eine enorme. Seit ihren Anfängen 1987 hat sie die Kunstszene hier säkularisiert – sie hat sie von den lokalen Mächten emanzipiert. Heute haben wir einige Künstler von Weltklasse, aus der älteren Generation zum Beispiel Füsun Onur, Asye Erkmen oder Gülsun Karamustafa. Viele haben’s nicht geschafft. Der Militärputsch von 1980 hat eine ganze Generation von Künstlern ausgelöscht: Sie wurden Werbeleute, gingen ins Marketing, wurden Zyniker.

SZ: Sie haben oft das Fehlen starker öffentlicher Institutionen beklagt.

Kortun: Ja, Märke korrumpieren, das ist ihre Natur. Der Einfluss der Marktkräfte in der Türkei ist aber destruktiver als anderswo, weil uns das Gegengewicht der großen, dem öffentlichen Interesse verpflichteten Institutionen fehlt. Außerdem fehlt uns die intellektuelle Kapazität, uns mit diesen Kräften auseinanderzusetzen. Wir kommen dem galoppierenden Markt nicht hinterher mit unserem Diskurs. Anderswo gibt es eine Geschichte, ein Erbe, bestimmte Regeln und Protokolle, die zu befolgen sind. Hier regiert der Markt allein. Wir fangen nun an, uns zu organisieren. Wir müssen miteinander reden: Wie können wir als Lobby funktionieren, dem Staat gegenüber? Wie verhalten wir uns als Institutionen ethisch?

SZ: Wie viel hat der Hype um die türkische Kunst mit dem um Istanbul zu tun?

Kortun: Die beiden sind untrennbar. Die Kunstwelt wurde zum Teil der Lifestyle-, Freizeit- und Entertainmentindustrie. Ich kriege ständig Einladungen von Superreichen und Topgalerien auf der ganzen Welt, die in Istanbul zum Dachterrassendinner laden. Da sind auch viele Geier unterwegs. Aber das ist wohl normal. Istanbul wird eine normale große Stadt.

SZ: Wirklich? Eine normale Stadt?

Kortun: Nein, Sie haben recht. Die Stadt ist unvergleichlich. This is it. Leider fehlt den Istanbulern die Wertschätzung für ihre Stadt. Istanbul war immer eine Selfmade-Stadt. Das war großartig. Früher haben sich die Leute diese Stadt immer wieder angeeignet, das Werk der Planer geändert, mit ihrer informellen Wirtschaft belebt. Aber jetzt haben die Planer massiv übernommen – und dann fallen die Bürger raus. Und was keinem gehört, um das kümmert sich auch keiner.

SZ: Istanbul wandelt sich rasend schnell.

Kortun: Ja, es ist eine Stadt auf Anabolika. Aber das hält uns am Leben. Ich kann in Europa nie länger als einen Tag bleiben. Europa ist so verschlafen. Istanbul hat mehr Energie, auch wenn die oft sinnlos verpufft. Aber die Zeit Istanbuls ist gekommen.

SZ: Kann Europa etwas lernen von Istanbul?

Kortun: Oh, Europa, wir reden kaum mehr über Europa, das Thema hat sich erledigt.

SZ: Im Ernst?

Kortun: Europa ist am Ende. Aus, vorbei. Es kann jetzt noch eine glamouröse Version von Disneyland werden. Wir können alle dorthin reisen und uns an der Vergangenheit erfreuen. Aber es hat keine Zukunft, keine Jugend, es ist müde, seine Zeit ist vorbei, seine Ideologien sind verschlissen. Schade, denn ich mag Europa.

SZ: Warum kopiert die Türkei dann Europa?

Kortun: Sie kopiert das System, auch der Kunstmarkt tut das. Aber wenn ich in Europa bin, sehe ich, wie sie alle leiden, die kulturellen Institutionen. Sie haben keine Ahnung, was sie tun sollen. Sie haben sich selbst zerstört. Sie haben nicht mehr die Besucherzahlen von früher, das engagierte Bürgertum ist ihnen weggebrochen. Sie haben ihre Klientel verloren. Sie sitzen auf Goldminen, aber es fehlt ihnen das Geld, die Türe aufzumachen. Es wird interessant zu sehen, wie diese Institutionen sich in Zukunft mit den Institutionen der Schwellenländer vernetzen. Sie haben die Schätze. Die Frage ist: Können diese Schätze globalisiert werden? Sie brauchen uns nun, ganz klar.